Madagaskar: Mein Leben in einer Epicerie

Barfussjournalistin Alida berichtet

Das Madagaskarhaus in Basel geht neue Wege. Eine Madagassin berichtet aus ihrem Leben und zwar mit ihren ganz eigenen Formulierungen. Barfussjournalismus direkt aus Madagaskar.

Epicerie Madagaskar

Alida

Die jetzt 33-Jährige Alida ist die älteste von vier Kindern. Ihr Vater, ein Bara-Betsileo, ist Steuerbeamter im Betsileoland. Ihre Mutter, eine Merina-Betsileo, ist derzeit krank. Alidas Bruder hat einen 811er Daimler Lastwagen und transportiert damit, was anfällt. Er geht auch mal an die Ostküste im Dezember, um Litschi aufzukaufen und sie in Ihosy zu verkaufen.

Ihre jüngere Schwester ist in Europa verheiratet und hat bereits einen kleinen Sohn. Der jüngste Bruder geht noch zur Schule.

Alida selber kam mit gerade mal 20 Jahren in die grössere Stadt und bald waren drei Kinder geboren. Doch die Beziehung hielt nicht. Die alleinerziehende Alida begann, Suppen zu kochen und sie an der Strasse feilzubieten. Inzwischen hat sie eine Epicerie (Kleinkrämerladen). Das Lokal ist gleichzeitg auch Trinkstube ist und kleine Mahlzeiten werden serviert.

Es geht ihr gut, doch ausser sonntags Vormittag ist sie immer in ihrem Geschäft. Trotzdem aber ist sie bereit, Texte und Beobachtungen zu schreiben, die vom Madagaskarhaus fortan publiziert werden. Es sind Gedanken zu ihrem Leben, zu Madagaskar, zu ihrem Umfeld. Sie erzählt in französischer Sprache in ihren Worten. Dieser Text steht jeweils am Ende der deutschen Übersetzung.

1. Mein Leben in einer Epicerie
2. Unser Kleinkrämerladen
3. Die Epicerie bei Regen
4. Das Bier THB
5. Mit dem Pousse-Pousse von der Arbeit
6. Früchte auf dem Markt in Antsirabe
7. Ein Ausflug nach Ampefy
8. Madagaskars Erdnüsse – Voanjo

Wer Madagaskar besucht, kann sie auch persönlich treffen. Kontaktieren Sie uns jederzeit für mehr Informationen!


Eine Epicerie in Madagaskar

Wirklich typisch für Madagaskar sind die Epicerien. Sie finden sich überall dort, wo Menschen leben.
Eine Epicerie ist ein Kleinkrämerladen, eine Bar und ein kleines Restaurant in einem. Dort kaufen die Madagassen ein – oft nur einen Teelöffel Zucker oder Salz, ein kleines Fläschchen abgefülltes Speiseöl oder eine einzelne Kerze. Auch Zigaretten werden einzeln verkauft und natürlich die Konsumation Rum, was ein kleines Glas voll höchstprozentigem Zuckerrohschnaps ist.
In und um die Epicerie spielt sich auch viel Sozialleben ab. Abends brennt dort eine Kerze oder ein Öllämpchen, manchmal eine Elektrolampe. Dort trifft man seinen Nachbarn, Freunde und Bekannte, auch durchreisende. Eine Epicerie ist Stammtisch (oder eher Stehtisch), Zeitung und Radio in einem. Grössere Epicerien bieten ein paar Sitzplätze und dies sind meist roh gezimmerte Bänke.
Viele Epicerien verkaufen auch Speisen, kleine Häppchen, Fleischspiesschen. Manchmal sogar auch Suppen, Mi-Sao (chinesische Teigwaren) oder ein Reisgericht. Diese Gerichte werden ziemlich formlos geschöpft und gegessen. Auf Dekoration und Essmanieren achtet hier niemand. Eine Epicerie kann also sogar ein kleines Restaurant sein. Madagassische Restaurants werden generell ‘Hotely’ genannt. Ein Hotely hat mit Hotel im Sinn von Übernachtungsstätte nichts zu tun.
Eine Epicerie kann also von einem kleinen Fensterbankgeschäft bis zu einem Restaurant sehr viele Geschäftszweige abdecken. Was aber meist nicht geboten wird, ist eine akzeptable Toilette. Die Klokultur ist in Madagaskar generell klein.


Ein Besuch bei Alida in ihrer Epicerie – Alida unplugged

Präziser kann eine Ortsangabe in Madagaskar kaum sein: Vatofotsy, neben dem “Tiko” Plakat. Ah ja… Hier sollten wir Alida, unsere “Barfuss”-Journalistin, die wir ja schon von ihren so lebhaften Berichten über “Das Leben in einer Epicerie” auf unserer Website kennen, antreffen. Ein Papier in der Hand, auf das einige Fotos aus der Umgebung des Kleinkrämerladens – so die etwas unromantische Übersetzung – gedruckt sind und ihr Name helfen uns suchen.

Epicerie Madagaskar Antsirabe

Alida mit ihren Kindern in der Epicerie

Mit Brettern überladene Einachser werden geschoben, die bunten Pousse-pousse-Konstruktionen traben vorbei. Gar nicht so einfach hier, in diesem Stadtteil Antsirabes, die Strasse zu überqueren. An ihr reiht sich Laden an Laden – Metzgerei-Auslagen neben CD-Brennern neben Gemüsestapeln neben…eben anderen Epicerien. Ja, man kennt sie hier, die Alida! Schon stehen wir vor der kleinen Bretterbude, die sie gemietet hat. Alida sei gerade auf dem Markt, aber schon hat man sie per Handy antelefoniert: Besuch von Vazahas! Ihr Mitarbeiter hält die Stellung hinter der obligatorischen Glasvitrine, angefüllt mit “tsakytsaky”, den kleinen, leckeren Snacks und einer Waage.

Die Einrichtung ist bunt. Getränkeflaschen sind sorgsam auf den Holzregalen sortiert, Nüsse, Bohnen, Zucker – alles in Plastik verpackt. Auch Garn, Kerzen, Seife und Watte sind im Angebot. Das Nahrungsmittel der Nahrungsmittel in Madagaskar, den Reis, gibt es lose zu kaufen. Auch die Eier. Bei Alida kann man aber auch gemütlich sitzen und ein kühles THB-Bier und Speisen wie Suppe, Salat oder Frittiertes geniessen. Es gibt kleine Tischchen und Stühle. Die Wände sind mit bunten Werbeplakaten tapeziert.

Alida ist zurück vom Markt, eben schnell mit der Rikscha angereist. Ah, Besuch aus der Schweiz und ein kleines Mitbringsel von Franz aus dem Madagaskarhaus in Basel! Alida “kennt” die Schweiz, denn dort lebt ihre Schwester. Dort gewesen ist sie bisher nicht. Viel zu teuer. Sie hat drei Kinder (siehe “Mein Leben in einer Epicerie”), die das Glück haben, die Schule besuchen zu dürfen. Sie ist alleinerziehend. Nicht immer einfach! Wir lachen zusammen: ähnlich geht’s der Henne, die ihre sieben Küken über die Strasse führt… Ihre Kinder sollen wir kennen lernen. Die Schule ist zu Ende und sie sind auf dem Weg nach Hause. Alicia und Rico werden immer mit der Rikscha gefahren, Henintsoa fährt selbst mit dem Velo.

Da stehen sie nun, wie die Orgelpfeifen neben ihrer stolzen Mama, die sich für sie ein leichteres Leben wünscht. Wir sind sicher – allein dadurch, dass sie ihnen den Schulbesuch ermöglicht gibt sie ihnen einen viel besseren Start ins Leben als ihn so viele Kinder in Madagaskar erhalten.

Schliesslich ist’s leider schon Zeit sich zu verabschieden! Wir sind froh, Alida und ihre kleine Familie getroffen zu haben. Alles Menschen, die sich trotz ihres anstrengenden Alltags ein so herzliches und offenes Lächeln bewahrt haben.