Trinkwasser für Madagaskar

Schweizer Reisegruppe besucht zehn Dörfer mit Trinkwasserbrunnen – ein subjektiver Bericht

„Vasaha! Vasaha! Die Kinder lachten und lachten, wenn die zwölf Weissgesichter und Fremden (=Vasaha) irgendwo auftauchten. Erst recht, wenn wir ihnen die Fotos von ihnen auf den Displays der Fotoapparate zeigten. Unser Auftauchen war gewissermassen Weihnachten, Ostern und Sommerferien gleichzeitig in einer Gegend ohne Fernsehen, Smartphones, Zeitungen, Xbox und all den anderen Vergnügungen junger Leute dort, wo elektrischer Strom eine Selbstverständlichkeit ist.

Wir haben insgesamt zehn Dörfer besucht, ganz kleine und recht grosse mit mehreren Weilern. Alle sind sie äusserst dankbar für den Zugang zu sauberem Wasser in ihrer Nähe. Früher liefen die Frauen für einen dieser gelben Wasserkanister mit 20 l Füllung täglich bis zu 13 Kilometer (während wir mit einer App unsere Schritte zählten und uns gegenseitig anspornten, damit es täglich 10’000 wurden…).

Begleitet wurden wir während der ganzen Woche von einer vierköpfigen Delegation der Organisation Taratra, die im ganzen Land die armutsbetroffene Bevölkerung in der Wahrnehmung ihrer Grundbedürfnisse (sei dies nun Wasser, Recht auf Land oder weitere Voraussetzungen für die Entwicklung von Lebensqualität in den Dörfern) unterstützen. Speziell mit dem Geschäftsleiter Arsène Raveloson und der Leiterin der Regionalstelle Betioky Hanta Rahantanirina führten wir lange Gespräche über Erfolge und Schwierigkeiten dieser Unterstützung.

Wichtig für unsere Gruppe war zu wissen, dass jedes Dorf den Brunnen selber warten muss und dafür eine Kommission einsetzt, die den Wasserbezug der Familien überwacht, dafür die Gebühren einzieht (z. B. pro Liter 50 Ariary, was 1.5 Rappen entspricht und unter madagassischen Verhältnissen nicht zu vernachlässigen ist) und die notwendigen Wartungsarbeiten selber versieht oder anordnet. Nur in einem der Dörfer fanden wir einen teilweise angerosteten Brunnen vor, obwohl dieser noch nicht viele Jahre in Betrieb ist. Hier kündigten die Verantwortlichen an, dass weitere Gespräche mit den Dorfverantwortlichen folgen würden, um zu klären ob hier etwas verpasst wurde, und was zu tun sei.

Während der fünf Tage fuhren wir mehr als 600 Kilometer mehrheitlich auf Sandpisten. Abgesehen davon, dass wir weder an die grosse Hitze noch an die Holperfahrten gewohnt sind, gab uns dieses Erlebnis einen Einblick in den Zustand der malgache Infrastruktur in
einer vernachlässigten Gegend der roten Insel. Meistens wurden uns anlässlich der Versammlung mit Frauen, Männern und Kindern aus dem Dorf weitere Wünsche vorgetragen, die sich zum Beispiel auf Schulhäuser bezogen oder auf den Bau einer Kirche. Hier muss sorgfältig unterschieden werden, welche Aufgaben der öffentlichen Versorgung zum Staat gehören, und welche durch NGOs wahrzunehmen wirklich sinnvoll ist. Hin und wieder trafen wir auf Gemüsegärten, die beim Ausfluss der Trinkwasserbrunnen angelegt worden waren.

Das Wissen darüber, wie man Gemüse zieht und pflegt, schien uns aber unterschiedlich gut vorhanden. Bei späteren Fahrten mit dem Bus auf der Strasse zwischen Antsirabe und Antananarivo sahen wir weite und einwandfrei gepflegte Gemüsefelder und haben uns gefragt, warum der interne Know-how-Transfer so schlecht funktioniert. Der Hinweis auf die schlechten Strassenverbindungen macht dann die Sache leider wieder klarer.

Oft empfingen uns die Dorfkinder mit Gesang und Tanz sowie mit den vorher abgegebenen Landesfähnchen. Wir revanchierten uns, wenn es passte mit «Wenn eine tannigi Hose hät …», das gefiel ihnen dank seinem lüpfigen Rhythmus gut. Man setzte sich unter hohe Bäume im Kreis und der Dorfälteste oder -chef begrüsste unsere Gruppe. Alles lief nach dem immer gleichen rituellen Schema ab: Von der Eröffnung und gegenseitigen Vorstellung über die Besichtigung (teilweise feierlichen Eröffnung) des Brunnens zum Austausch der Geschenke (ein Tier für uns – Truthahn, Ziege, Huhn – ein Fussball mit Luftpumpe sowie Malkreide und eine Schiefertafel für die Dorflehrerin) sowie manchmal mit anschliessendem Mittagessen in ihrem – fensterlosen – Versammlungsraum.

Spezielle Beobachtungen:

Hin und wieder erhob sich eine Frau und sprach zu uns. Das ist in solch naturnahe lebenden Gemeinschaften keine Selbstverständlichkeit. Es passt aber zur Tatsache, dass auch in anderen Gegenden Madagaskars Frauen Führungspositionen innehaben.

Unterschiedliche Betriebstemperaturen fanden wir vor in den grösseren Gemeinden, die aus mehreren Weilern bestehen und ihr Wasser mithilfe von Solarpanels an mehrere weiter entfernte Stationen pumpen («villages écologiques»). Da waren dann keine Kinder mehr am Singen, man wurde vom mehr oder weniger motivierten Bürgermeister empfangen und beim Gang zur Pumpe von den Marktverkäufer/innen neugierig beobachtet. Ob hier bereits die Korruption ihr Unwesen treibt und Beziehungen zu Interessensverbindungen werden? Wir sahen nicht hinter die Kulissen, machten uns aber dazu unsere Gedanken.

Ebenfalls interessant war der Unterschied der Kostengestaltung für das Wasser je nach Grösse der Gemeinde. In den kleinen Dörfern gilt noch das Clanmodell. Auch weil man sich gegenseitig kennt und kontrolliert ist es praktikabel, jeder Familie pro Monat einen Betrag zu verrechnen und danach den Wasserbezug ohne Limite zuzulassen. Wohingegen in den grösseren Gemeinden sowohl die Übersicht schwieriger wie auch die Bevölkerungsstruktur heterogener wird, und man an den einzelnen Bezugsstellen pro bezogenem Kanister einen Betrag abliefern muss. Das ist zwar nachvollziehbar, unterstützt aber eine Entwicklung, die es ärmeren Familien oder Einzelpersonen (z. B. alleinerziehenden Müttern) schwerer macht, die für sie notwendige Quantität Wasser zu beziehen. Ich habe in diesem Zusammenhang auf das alternative Verwaltungsmodell von Ressourcen der Commons hingewiesen, mit dem weltweit positive Erfahrungen gemacht wird, und das vor allem dafür sorgt, dass alle an der Ressource Interessierten verantwortlich in die Pflege und Erhaltung einbezogen werden.

Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt auf Madagaskar 65.2 Jahre (Frauen etwas mehr als Männer), das sind gegen 15 Jahre weniger als in der Schweiz. Die mangelhafte Trinkwasserversorgung ist ein wichtiger Beitrag zu diesem eklatanten Missstand, aber auch die schlechten Verbindungen zu Stationen der Gesundheitsversorgung sowie allgemein die Armut und durchaus auch der Ahnenkult der Landbevölkerung (wie überall entwickelt sich die städtische Bevölkerung Richtung Säkularisierung), der dazu führt, dass man z. B. bei Pestbefall lieber nicht ins Spital geht, weil man im Falle des Ablebens nicht traditionsgemäss beigesetzt wird. Dagegen hilft auf Dauer gute Bildung am besten. Aber ohne einen Staat, der wenigstens einigermassen seine Aufgaben des Service Public (Bildung, Gesundheit, Infrastruktur) wahrnimmt, und damit auch die dringend notwendigen Investitionen anzieht, ist alles nichts. Das Eine bedingt das Andere und umgekehrt. Mora mora scheint die einzig mögliche Haltung zu sein, gepaart mit Hartnäckigkeit.

Mit sauberem Wasser tragen wir dazu bei, dass die Menschen ihren täglichen Bedarf decken können und somit Kopf und Herz eher frei haben für die Frage, wie ihre Kinder eine bessere Zukunft erhalten können. Dazu beizutragen ist für uns reiche Vasaha aus dem Norden eine Chance und ein Geschenk. Ich empfehle es allen.“

Gaby B.

Trinkwasser für Madagaskar - GAH - Andi HofmannTrinkwasser für Madagskar

Im Süden Madagaskars haben seit 2006 dank der Unterstützung durch die „GAH“ (Groupe Andi Hofmann) in Zusammenarbeit mit der Nicht-Regierungsorganisation Taratra ca. 40’000 Menschen in 52 Dörfern Zugang zu sauberem Trinkwasser (Stand Oktober 2017).

Hier finden Sie zudem den Rechenschaftsbericht von „Trinkwasser für Madagaskar“ zu den Aktivitäten 2016-2017.

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