Schlagwort-Archive: TCE

Eisenbahnunfall in Madagaskar

(26.02.2026) Letzte Nacht verunglückte ein Güterzug in Madagaskar. Laut ersten Meldungen sind 2 Tote und mehrere Verletzte zu beklagen. Alles Eisenbahner.

Die Lokomotive AD 1802 mit Tankwagons und Güterwagons befuhr bei Kilometerstein 77,750 unstabiles Gelände in der Region Mandraka. Die Schienen führen hier kurvenreich entlang einer steilen Bergflanke. In tiefer Nacht geriet der Zug um 02h30 in eine Abrutschzone. Die Lokomotive sackte ein und steckt nun mit der Nase in einem zehn Meter tiefen Erosionsgraben.

Eisenbahn in Madagaskar BB1203 Diesellokomotive

Die Eisenbahn ist ein Sorgenkind in Madagaskar. BB1203 Diesellokomotive im Bahnhof von Antananarivo.

In dieser hügeligen Zone finden sich die steilsten Streckenstücke der Bahnlinie, welche die Hafenstadt Tamatave mit der Hauptstadt Antananarivo (1250 müM) verbindet. Die 371 km lange TCE (Tananarive-Côte Est) wurde zwischen 1901 und 1913 gebaut. Noch bevor die Strecke durchgehend befahrbar war, traf der erste Zug bereits am 1. April 1909 in der Hauptstadt ein. Die Kolonialstrecke hat streckenweise Steigungen von 25 bis 30 Promille. Das grosse Problem der Eisenbahn ist jedoch seit Jahrzehnten der Unterhalt der Infrastruktur. Die eingleisige Route in Meterspur führt über teilweise unstabilen Untergrund.

2002 übergab der Staat die Betriebsführung dem privaten Unternehmen Madarail. Der Personenverkehr zur Hauptstadt hin wurde eingestellt, Madarail interessierte sich hauptsächlich für den lukrativeren Frachtverkehr. Entgleisungen gibt es häufig. Seit Jahren gibt es nur noch Passagierzüge zwischen Moramanga und Tamatave, zweimal die Woche, wenn überhaupt.

Der Zyklon Gezani brachte vor 2 Wochen ungewöhnlich viel Regen. Sein Verlauf folgte wenig nördlich der Bahnlinie. Daher wurden auch Erdrutsche zur Gefahr für Dörfer, Strassen und die Bahnlinie. Zudem regnete es in den letzten Tagen erneut heftig. Warum die Schwachstelle im Gelände nicht erkannt wurde, bleibt unklar. Die Bergungsarbeiten werden schwierig sein, denn die Strecke führt entlang der Südflanke steiler Hügel und ist für Strassenfahrzeuge nicht erreichbar.

Die verunfallte Lokomotive AD 1802 wurde 2022 von der mexikanischen Firma Ferrovia Del Bajio S.A de C.V, in San Luis Potosi erbaut. Die Diesellok verfügt über 1900 PS und wurde zusammen mit drei typengleichen Loks geliefert. Der Kauf dieser vier Lokomotiven ist sehr umstritten. Eigentlich hatte der Staat 11 Loks bestellt und vielleicht auch bezahlt. Geliefert wurden nur vier und dann auch keine Ersatzteile mehr. Eigentlich stellte der Staat die Fahrzeuge der privaten Firma Madarail zur Verfügung, die das Nordnetz betreibt. Wer hier was und wem bezahlt hat, wurde nie geklärt. Tatsache ist, den vier Loks mangelt es an Ersatzteilen – eine davon kam sogar nie zum Einsatz.

Die Eisenbahn in Madagaskar ist ein Trauerspiel – seit Jahrzehnten. Der letzte Mehrheitsbesitzer der Madarail, Mamy Ravatomanga, sitzt derzeit in Untersuchungshaft in Mauritius. Der enge ‚Berater‘ des 2025 gestürzten Präsidenten Andry Rajoelina wird wegen Geldwäscherei und Betrugs in grossem Stil angeklagt.

Franz Stadelmann, PRIORI, 26. 02. 2026